Autofrei leben - ein Erfahrungsbericht

Hier ein Beitrag von Stefan zum Thema "autofrei leben" in der Praxis:


Was es bedeutet, weitgehend auf das Autofahren zu verzichten: die Auswirkungen auf Beruf, Familie, Finanzen, Konsum und Lebenseinstellung. 

Ich bin 40 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder. Redakteur, ich wohne zur Miete, Arbeitsweg 15 Kilometer. 

Vor fünf Jahren war ich unsportlich, beruflich und privat in Schwierigkeiten und damit beschäftigt, mein Leben neu zu starten. Eine Idee war, meinen Alltag zu vereinfachen: Ballast abwerfen. Nur noch besitzen, was ich brauche. Der Zeitpunkt war günstig. Mein geliebter alter Volvo Kombi war reif für die Verschrottung. Ich gab mir zwei Wochen Zeit für den Versuch, ohne Auto klarzukommen. Aus dem Test wurde ein Lebensentwurf.



Die ersten Tage waren eine Offenbarung. Zum Bahnhof radeln, 15 Minuten Regionalzugfahrt, einen knappen Kilometer zu Fuß zum Arbeitsplatz gehen. Kein Stau, keine Ampeln, keine Anstrengung. Einfach „sein“. Sich nicht konzentrieren müssen, den Gedanken freien Lauf lassen können.
Es gab relativ schnell zwei Felder, die meiner Aufmerksamkeit bedurften: Die Kollegen und mein altes Fahrrad.

Die Kollegen
Ich habe mein Auto Mitte Dezember aufgegeben. Zur Firmen-Weihnachtsfeier bin ich bereits geradelt. Bei Schneefall. Die Frage nach dem warum kam sofort. Die Antwort „ich bin jetzt autofrei“ löste mitleidiges Unverständnis und Zweifel an der Machbarkeit aus. Der Chef erzählte von der autofreien Großfamilie aus seiner Nachbarschaft - und wie er diese „Exoten“ erlebt. Die Kollegin fragte instinktiv, wie ich das mit den Kindern lösen wolle.

Die Kinder
Sie waren noch klein. Ich kaufte einen Fahrrad-Anhänger. Mein klappriges Damenrad war teilweise kaputt. Damit war es bald zu gefährlich, die 50 Kilo zu ziehen (Die Bremsen, bergab…). Ich brauchte ein neues Fahrrad.

Der Konsum
Gebraucht kaufen war ich nicht gewohnt. Ich wälzte Kataloge und durchforstete Internetseiten auf der Suche nach meinem neuen Fahrrad. Weil ich als Jugendlicher ein Rennrad hatte, wählte ich ein sportliches Modell. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte. Ich fand die Sitzposition furchtbar. Der Zufall kam zur Hilfe. Ich übernahm das alte, aber funktionstüchtige Damenrad meiner Ex-Frau, die sich ein neues Rad gekauft hatte.

Das war der Anfang.

Der Alltag
Nach einiger Zeit lief es rund. Die Ausrüstung wurde besser, die Fitness auch!

Ich bin fast nie mehr erkältet und habe mehr Geld auf dem Konto. Ich muss auf nichts verzichten. Wichtig ist für mich, nicht dogmatisch zu sein. Drei bis vier mal im Jahr leihe ich mir ein Auto aus.

Meine Erfahrungen
Nach ein bis zwei Jahren veränderte sich die Haltung der Kollegen von Skepsis zu Respekt. Gleiches gilt für die Sportkameraden im Verein. Sie haben jetzt erlebt, dass es funktioniert. Über alle Lebenssituationen und Jahreszeiten hinweg. Bei Freunden und Familie ging es schneller mit der Akzeptanz. Sie hören länger zu, wenn man sich erklärt. Das hilft gegen Vorurteile.

Warum wurde gerade ICH skeptisch beäugt? Andere Menschen in meinem Umfeld leben ebenfalls fast autofrei. Aber entweder sind sie jung, sie haben ein Alibi-Auto oder sie sind insgesamt alternativer. Scheinbar sind mein „harter“ Umstieg und meine Lebensumstände besonders verdächtig.

Durch den täglichen Umgang mit dem Fahrrad und den vielen Erfahrungen auf den Straßen wurde ich zum Fahrradaktivisten. Und zum Bastler, der Spezialfahrräder baut. Freakbikes und Lastenfahrräder. Transportprobleme kenne ich deshalb nicht.

Meine Kinder sind fit und gesund. Kinder sind nicht wettersensibel. Kinder bewegen sich gerne draußen. Kinder kommen wach in der Schule an, wenn sie dorthin laufen oder radeln. Kinder sehnen sich nicht nach Autos, wenn die Eltern es nicht vorleben. Sie fahren inzwischen selbst Fahrrad. Für besondere Fahrten zu dritt habe ich ein Tandem mit einem dritten Sitz und Lenker ausgerüstet.

Urlaub machen wir nicht mehr im mediterranen Süden, sondern in Bayern. Mit dem Zug und Fahrradmitnahme (wobei einer Busreise nach Kroatien nichts im Weg steht). Die Kinder lieben die kurze Anreise. Sie hassen es, lange im Auto zu sitzen. Der See ist Ihnen so lieb wie das Meer, Hauptsache es gibt Eis und andere Kinder zum Spielen. Für mich ist die Reisevorbereitung unkomplizierter.

Die Lebenseinstellung
Alles hat sich verändert. Am Anfang stand der zweiwöchige Versuch nach Einfachheit. Heute bin ich überzeugt: vom Blick auf das Wesentliche im Leben. Konsum gehört nicht dazu. Das ist der größte äußere Effekt des Autoverzichts. Denn um ordentlich zu konsumieren, braucht man das Auto: um an einem Samstagvormittag die Stadtrand-Geschäfte von West nach Ost abzugrasen.

Die innere Zufriedenheit ist ein subjektives Maß. Für mich sind 8 von 10 Punkten erreicht. Die restlichen zwei suche ich noch. Vielleicht ist ein Thema nicht lösbar: Ich sehe die gesellschaftliche Verbreitung von Konsum, automobiler Fortbewegung und wachstumsorientierter Lebensgestaltung. Und weiß, dass ich noch lange eine Sonderrolle einnehme. Ich wäre aber gerne Gleicher unter Vielen. Das würde meiner Vorstellung einer lebenswerten Umgebung eher entsprechen. Jetzt, wo ich die positiven Aspekte kennen gelernt habe.

Die Schattenseiten
So richtig durchnässt werden. Unter der Windjacke schwitzen wie der Teufel. Kalte Hände haben. Den dritten Platten in einem Monat flicken. Ein Auto im Bedarfsfall umständlich ausleihen müssen. Langsam unterwegs sein. Von Autofahrern angehupt werden. Hinter einem sichtbar rußenden Dieselbus losfahren müssen. Bergauf strampeln.

Das ist der Preis, den man bezahlt.

Der Gewinn
Die Unabhängigkeit vom Auto mit all seinen Zwängen. Die Entschleunigung des Alltags. Zeit für mich. Kraft und Ausdauer in vielen Lebensangelegenheiten. Freie Gedanken auch zum Wohl meiner Arbeit. Ein offenes Auge für meine Umwelt. Und viel mehr Kontakt mit anderen Menschen.

Stefan

P.S. Ich habe diese Erlebnisse stark komprimiert und geringfügig fiktionalisiert aufgeschrieben. Sie sind nur ein kleiner Teil meiner Erfahrungen. Auch heute noch lerne ich jeden Tag dazu. Ich bin über Tatjana von Radl-Wadl per E-Mail erreichbar. Falls ein Leser/eine Leserin dieser Geschichte mehr darüber wissen möchte.