Im Portrait: Christian Kuhtz, der aus Abfällen Einfälle macht



Christian Kuhtz könnte man als Erfinder und Herausgeber bezeichnen. Sein ganzes Leben lang beschäftigt er sich mit der Vermeidung von Abfällen und hat dazu eine eigene Schriftenreihe - unter anderem zum Thema Fahrrad - herausgegeben. 

Als ich die kleinen Hefte das erste Mal in der Hand gehalten habe, war ich begeistert davon, mit wie viel Sorgfalt und Hingabe sie gestaltet waren. Für die aktuelle Ausgabe von Radl-Wadl habe ich Christian Kuhtz per Brief zu Stichworten interviewt, da er weder Telefon noch Email nutzt. 

Er hat mir eine sehr lange Antwort geschrieben, die ich für das Fahrradmagazin stark kürzen musste. Deshalb gibt es hier die ungekürzte Fassung.

Näheres zur Schriftenreihe: http://einfaellestattabfaelle.wordpress.com



Stichworte:

Mein Hintergrund
Meine Fahrräder
Spartanisch leben mit Kindern
Fahrradtrend
E-Bikes
Reparierängste
Veränderungen beim Fahrrad

Mein Hintergrund

Faszinierend finde ich, mit wie wenig Aufwand man beim Fahrradbasteln zu tollen Resultaten kommen kann und den Erfolg dann auch gleich „am eigenen Leibe“ spüren kann nach dem Motto „draufsetzen, losfahren, Spaß oder Nutzen garantiert“! Dazu kommt noch der Vorteil, dass das Material nichts kostet (Sperrmüll) und die Technik recht einfach ist.

Für mich war wohl noch eine besondere „Startbedingung“, dass in meiner Kindheit Fahrrad fahren und Fahrradflicken selbstverständlich war.
 Mit gerade sechs Jahren hatte ich bei einem Malwettbewerb einen Roller gewonnen, es war unheimlich toll, damit zu fahren – bis er irgendwann, als ich etwa acht Jahre war, auf dem Weg zur Schule durchbrach.

Kinderfahrräder waren damals (Anfang bis Mitte der 60iger Jahre am Rande der Kleinstadt Bad Segeberg) noch sehr selten, nun sollte ich aber sogar ein richtiges Fahrrad bekommen! Meine Eltern erstanden per Zeitungsanzeige ein altes 24 Zoll Mädchenfahrrad und - Donnerwetter – bald schaffte ich schon, darauf zu fahren!

Nun ja, ich hatte beim Sohn des Schrotthändlers in der Nachbarschaft, der tatsächlich ein altes 20“-er Kinderrad fuhr, schon mal ein bisschen geprobt. Ja, und auf dem Schrottplatz gab es sowieso manchmal spannende Sachen zum Zerbasteln. Ich erinnere mich, wie ich da mit vielleicht 7 Jahren die Rücktrittbremse eines Erwachsenenrades- Hinterrades auseinandergebaut hatte, - und mit etwas Anleitung auch wieder zusammen kriegte.

Meine Eltern hatten Fahrräder als einziges Verkehrsmittel, verbogene verrostete Vorkriegsräder vom Schrott und die wurden natürlich immer selbst geflickt. So war Fahrrad fahren und Fahrrad flicken in meiner Kindheit eigentlich recht normal.

Nun war ja auch bei manchen Leuten schon das „Wirtschaftswunder“ ausgebrochen und vieles Alte wurde weggeschmissen, auch Fahrräder, vor kurzem noch ein Wertgegenstand, landeten auf der Schietkuhle (=Müllhalde). (Auch meine Eltern schmissen schon bald ihre alten Fahrräder weg und kauften sich neue – andere Leute knapsten an den Raten für ein Auto – und eines der neuen Fahrräder war schon nach wenigen Jahren kaputt....).

 Klar, dass wir uns Sachen zum Basteln von der Kuhle holten, auch kaputte Fahrräder, daran herum schraubten und schnell die Technik dieser alten, einfachen Räder durchschauten. Und wenn der Bastelerfolg „draufsetzen und losfahren“ war, machte es richtig Laune!

 Als ich zehn war, fand ich ein 28“-Hinterrad mit Dreigangnabe (damals noch selten) und wollte die so gerne in mein 26“ Rad, das ich da schon hatte, einbauen, wagte den Versuch, alle Speichen raus zudrehen, die Naben zu tauschen und die Speichen wieder reinzufummeln. Ein Tagwerk mit Mühe und leichten Mängeln, aber der Fahrspaß war garantiert! 

Und als ich 13 war, kam der erste Profi-Spezialradbau-Versuch dran, unser erstes Tandem, aus zwei 26“ Unfallrad-Wracks. Der Monteur aus einer kleinen Fahrrad- und Moped Reparaturwerkstatt fand unsere Idee auch toll, verriet uns, wie wir die Wrackteile vorbereiten mussten und schweißte uns den Rahmen zusammen.

Natürlich war das Tandem, „der schwarze Blitz“, die Sensation, immer wieder riefen Kinder: „guck mal da, ein Doppelrad...“ – aber es war im Nu zu klein, ein 28“-er musste her. Und als ich dann mit dem nun schon perfekt vorbereiteten Rahmen fürs dritte Tandem zum Monteur kam, brachte er mir Hartlöten und Schweißen bei – ich war in das Reich des edlen Rahmenbaus vorgestoßen!

 Aber das einfache Fahrrad-Fahrzeug Basteln nach Methode „Rohrenden plattklappen, passend biegen, Loch durch, zusammenschrauben“ hatte ich trotzdem nicht vergessen und wende es auch heute sehr gerne an. Und das können dann auch alle nachmachen, die keine Schweißmöglichkeit und kaum Werkzeug haben.

  Meine Fahrräder


Mein „Lieblingsrad“ ist nach wie vor das inzwischen 70 Jahre alte, völlig verrostete Einfachst-Fahrrad, aus schwerem, aber brüchigen Kriegszeit-Resteeisen, das ich seit 1975 vom Sperrmüll hatte, damals schon mit den Spuren vieler Reparaturen aus Notzeiten.
Kein gepflegter Oldtimer, sondern ein verschlissenes Nutzfahrzeug, das sicher schon über 100.000 Kilometer fuhr und so gut wie kein Teil mehr hat, das nicht schon mehrfach zusammengeflickt ist.

Immer wieder mit der Freude, dass ich es, obwohl es längst hätte endgültig kaputt sein müssen, doch nochmal hingekriegt habe…

 Warum ich mit dem Ding fahre, das doppelt so schwer ist wie andere Fahrräder, ist „rational“ nicht zu erklären, aber vielleicht ein wild-romantisches Stück langsamer, rumpeliger Antikultur zur heutigen schnellen Hochglanz-Wegwerfgesellschaft....in manchen anderen Ländern aber fast normal.

 Auch die anderen Fahrräder sind Nutzfahrzeuge. Es geht bei uns seltener um richtig weite Wege (meist unter 10 Kilometer), sondern öfter um Lastentransport. Auf das Uraltrad kann ich zwar notfalls noch über einen Zentner zuladen, aber das ist dann schwer zu balancieren.

 Doch wenn es 100 kg oder mehr sein sollen (Brennholz aus dem Wald z.B) muss ein Lastrad her, da ich das „Schubkarren-Lastrad“ (verlängerter alter Damenradrahmen mit kleinem Hinterrad und Schubkarrenwanne als Ladefläche, natürlich ohne Schweißen gebaut) das Meist-gebrauchte. Ein Lasten-Dreirad (auch ohne Schweißen gebaut) habe ich auch, brauche es aber nur selten, das Schubkarren-Lastrad reicht meistens aus.

Vor 20 Jahren, als wir noch unseren Hausstand, Baumaterial und Pflanzen aus einer für den Autobahnbau plattgemachten Gartenkolonie zusammensammelten, war das Lastendreirad fast im Dauereinsatz…

 Dann habe ich noch ein Eigenbau-Miniklapprad (Versuchsmodell von 1982, damals tüftelte ich ein Edel-Miniklapprad aus), als „Anschlussstreckenfahrzeug“ für Bus und Bahn zum gratis mitnehmen. 

Früher, als ich weniger sesshaft lebte und oft weite Strecken über Land fuhr, hatte ich auch ein Eigenbau-Liegerad und ganz neu habe ich für unseren jüngeren Sohn (7) für große gemeinsame Radtouren und als Hol-/Bring-Fahrzeug ein Anhängerfahrrad aus einem tiefer gelegten halben 26 Zoll Rad und einem Stück 1“ Wasserrohr gebaut, das ich an mein Uralt-Rad kuppeln kann.

 Meine Frau hat ein älteres Kynast-Nirosta-Dreigang-Rad, das natürlich leichter ist als mein Uralt-Rad und auf dem ich auch manchmal fahre.

Anschauliche Abbildungen und Reparaturanleitungen

Spartanisch leben mit Kindern

 „Spartanisch“ – das Wort weckt Gedanken an Verzichten, Leiden , Müh‘ und Qual – die Wahrheit kann aber auch sein: „Ballast abwerfen, weil man ohne gut auskommt.“

 Ich habe als Kind das Leben ohne Auto, ohne Kühlschrank, ohne Fernseher usw. als normal empfunden (obwohl viele Familien solche Sachen hatten) und fand es auch später prima, wie ich immer gut ohne zurechtkommen konnte.

Meine Güte, wie manche anderen immer hinterm Geld fürs Autofahren herjagen müssen und „immer Trabbel mit ihr’m Trabbi“ haben…

 Vielleicht erleben unsere Kinder es auch so, dass man ohne diese Sachen gut leben kann, sie haben ja das Beispiel. Proteste oder Jammern à la „hätten wir doch...“ hab‘ ich jedenfalls noch nicht mitgekriegt.

Unsere Kinder erleben, dass beides geht, „mit“ und „ohne“, bei allen anderen Leuten mit Kühlschrank, bei den meisten auch mit Auto, wissen aber auch, dass Kühlschränke Strom fressen und Autos ekliges Abgas machen, und dass Leute mit Auto auch nicht etwa mehr Zeit haben, oft sogar mehr Stress. Wer weiß, wie sie es sich später einrichten?

 Unser ältester Sohn (15) hat sich mit 14 ein Liegerad aus Sperrmüllteilen gebaut, und gerade – Kontrastprogramm – ein nagelneues Rennrad gekauft... Je nach Lust fährt er manchmal auch zu seiner 30 Km entfernten Freien Schule mit dem Rad hin und zurück, oder beschließt mittags „ob ich heute noch die Landesgrenze überquere“ und meldet sich abends von der Fähre über die Elbe, gut 100 km weiter.

 Fahrrad und Freiheit, das hat schon eine Menge miteinander zu tun!

Fahrrad Trend „zurück auf's Rad“


 Na klar finde ich den Trend „zurück auf’s Rad“ gut – wenn’s denn wirklich so ist. Statistiken habe ich lange nicht mehr angeschaut, und es kommt ja auch überhaupt nicht auf das an, was statistisch gerne erfasst wird: wie viele Fahrräder bzw. wie viele Autos wurden verkauft!

Es kommt drauf an, was benutzt wird und tatsächlich Autoverkehr ersetzt, nicht auf das, was konsumiert wird, den Winter über vergammelt und dann weggeschmissen wird.

 Mir kommt es hier in Kiel so vor, als nähme die Menge der stehenden Fahrräder deutlich zu, die Menge des Fahrradverkehrs nur etwas, jetzt beobachte ich eine Neuigkeit: Kindertransport- und Lastendreiräder, aus neuer Fabrikation, kommen auf (solche Fahrzeuge gab es vor wenigen Jahren fast gar nicht! Deshalb ein beliebtes „Selbstbaufeld“).

Doch viele Leute scheinen das Fahrrad eher für Sport und Spaß zu benutzen (ein bisschen wie die „Trimm-Dich“ Welle der 70iger Jahre in „modern“) aber die Menge an Autos nimmt auch zu, und wenn’s „drauf ankommt“, also im Alltag und bei nicht mehr so sommerlichem Wetter, dann scheinen viele Leute doch lieber Auto zu fahren.

 Übrigens würde ich statt „zurück auf’s Rad“ lieber „die Zukunft fährt Rad“ sagen!

E-Bikes


 Mit E-Bikes kenne ich mich nicht gut aus.
Vor 25 Jahren habe ich mal Bauversuche in Allereinfachst-Technik zur Nutzung von überschüssigem Strom aus dem selbstgebauten Windrad gemacht.

 Prinzipiell finde ich es sehr gut, wenn sich durch solche leichten Motorfahrzeuge mit Kombi-Tretantrieb der Gebrauch der schweren, stinkenden Blechhaufen ersetzen lässt. Dafür kenn ich schon in der Nachbarschaft einige Beispiele: ältere Leute, die ein Auto haben und wegen nachlassender Kräfte kaum mehr Fahrrad fahren können, fahren bei gutem Wetter E-Bike und lassen das Auto stehen. Schön.

Auch bei manchen jungen Leuten scheinen E-Bikes cooler als Mofas zu sein (Mofas sind, schätze ich, „mega-out“). In meiner Jugendzeit sparten viele wie verrückt auf ein Mofa und verbreiteten dann blaue Abgaswolken und Lärm wie von wildgewordenen Rasenmähern um die Dorflinde.
Und ich schmunzelte immer leise, wenn ich diese Knatterdinger spätestens auf leichtem Gefälle mit dem Fahrrad locker abhängte.

 Weniger schön wäre es, wenn E-Bikes Leuten das Fahren echter Fahrräder vermiest – ich bin ja eher fürs Einfache, was man aus eigener Kraft schafft... Prinzipiell ist auch gut, dass man die Akkus mit Ökostrom laden kann. Wenn man seinen Strom bei einem echten Ökostrom-Anbieter (es gibt in Deutschland nur vier, Pionier sind die Elektrizitätswerke Schönau) kauft, ist das schon ein guter Schritt.

Richtig gut wäre es, die Akkus immer dann zu laden, wenn Ökostrom-Überschuss im Netz ist. Dazu müssten die Ladegeräte einen Signalempfänger kriegen und im Stromnetz das Signal „AN“ gesendet werden, wenn Überschuss da ist. Eigentlich nichts Neues, die Nachtstrom-Atomfresser-Heizungen werden ja genau so gesteuert. Oder man gewinnt seinen Strom selber…

 Von der Qualität der E-Bikes habe ich allerdings schon viel Mangelhaftes gehört, bzw. bei Reparaturen in der Nachbarschaft entdeckt, vieles ist „Schönwetter-Ausführung“, nicht werksmäßig geölt/gefettet oder rostgeschützt, elektrische Kontakte korrodieren, Akkus gehen dann extrem schnell kaputt und manche mechanische Teile auch.

 Ein Freund, Michael Daniek, Solar-Elektrofreak und Allesreparierer, schreibt gerade seine Erfahrungen und Selbstbau-Tipps für E-Bikes auf, das soll ein neues „Einfälle statt Abfälle“-Heft werden.

Eigenreparaturangst



 Ich glaube, ganz wesentlich ist, dass schon seit vielen Jahren die Kinder eher zu Theorie-Menschen, zu Knöpfchendrückern und Anweisung-Befolgern erzogen werden. Freies Spielen in der Natur oder gar mit Müll ist unerwünscht, man kann sich ja dreckig machen, weh tun und krank werden (???) und man lernt ja angeblich auch nichts für die Schule dabei.

Der politische Trend geht ja schon dahin, Kindern die Kindheit zu klauen, sie immer früher in schulartige Einrichtungen zu stecken. Und das Computerzeitalter setzt noch eins obendrauf. Entwickeln die Kinder dadurch Verständnis für die Phänomene der Natur, Kreativität, Selbständigkeit, Mut zu Unbekannten?

Mindestens die letzten drei dieser Eigenschaften braucht man ein Stück weit zum Reparieren, sonst hat man Angst, mehr kaputt zu machen, oder dass ein Monster aus Spiralen und Blitzen aus dem Ding rauskommt, das weh tut… 

 Hinzu kommt die Bequemlichkeit, viele Sachen sind ja so extrem billig, weil die Schlote da rauchen, wo in unserem Auftrag Menschen und Umwelt rücksichtslos ausgebeutet werden, und dann gilt es hier schon als Zeitverschwendung, etwas zu reparieren.

 Natürlich geben sich die Hersteller auch alle Mühe, die Dinge immer weniger haltbar und immer schlechter reparierbar zu machen, das gilt leider auch für Fahrräder (früher eine Anschaffung fürs Leben, heute „just for fun“). Und die Werbung, Erziehung zum Konsum, der gilt als „fein“, wer „was Neues“ hat, ist angeblich „was Besseres“, „glücklicher“, „erfolgreicher“ und so weiter.

 Dabei ist das Risiko beim Zerspielen und Reparieren kaputter Sachen minimal, das Ding ist sowieso kaputt, also ist es auch kein Verlust, wenn man es nicht wieder heilgespielt kriegt.

Naja, heute spielt man lieber Computerspiele, da ist man immer der Sieger und es besteht keine Gefahr, dass was Echtes passiert... Bei „fast noch heilen“ Sachen ist es natürlich gut, wenn man schon mal an „kaputten Sachen“ geprobt hat und gerade im Bereich Fahrräder gibt’s die ja genug auf dem Sperrmüll.

Bei Fahrrädern hat man es auch kaum mit irgendwelchen undurchschaubaren Mikroteilen zu tun wie etwa bei Elektroniksachen, man kann meist direkt und genau beobachten, was passiert. Aber der Trend zu unreparierbaren Sachen macht sich leider auch bei Fahrrädern immer mehr breit. Die plumpen Qualitätsmängel, die ich schon in meinem ältesten „Rad-kaputt“-Anleitungen an Rädern der 70iger/80iger Jahre zeigte, ließen sich, wenn gar nicht mehr reparierbar, wenigstens durch Teile vom nächsten Schrottrad ersetzen, weil alles weitgehend standardisiert war.

Veränderungen bei den Fahrrädern



 Seit den 90iger Jahren bauen manche Hersteller wieder bessere Qualitäten, aber fast alle bauen nach verschiedenen Maßen, sogar der gleiche Hersteller ändert alle paar Jahre Maße, so dass „aus 2 mach 1“ meist, je neuer das Rad, umso schwieriger wird.

 Und durch neue, anfangs den Fahrkomfort erhöhende Zusatztechnik, sind tatsächlich jetzt an vielen Fahrrädern komplizierte Teile dran, oft sogar nicht zu öffnende Plastik-Black-Boxen, wie z.B. das Schaltwerk der Sachs-7-Gang-Naben, das gerne mal auf dem 7. Gang hängen bleibt, obwohl die Nabe völlig heil ist.

 Allerdings gehen heute auch allereinfachste Räder schnell kaputt, weil Hersteller gern an Öl und Fett sparen: Lager und Bowdenzüge laufen trocken, Gewinden rosten fest, Kontakte korrodieren.

Früher war es selbstverständlich, dass jede, auch nebensächliche, Schraube bei der Montage erst mal gefettet wird. Dann kann man sie auch richtig fest ziehen ohne dass sie überdreht und kriegt sie auch nach 20 Jahren in jedem Wetter wieder auf, selbst wenn sie aus einfachem, blanken Eisen ist.
Die teuren Ölpreise sind wohl eine zu faule Ausrede für die „Trockenmontage“.

 Ich fette immer alle Lager reichlich und öle Schrauben biologisch mit ranzigem Speiseöl, das wirkt dreifach: Schmiert fürs grobe Festziehen, verhindert Festrosten für Jahrzehnte und Sichert, weil es bald klebrig wird.

  Ich sehe es so, das Fahrrad hat sich im Grundprinzip seit 90 Jahren nicht verändert.

Auch die Sonderfahrräder wie Liegeräder, Lastenräder usw. gab es da schon, nur Mini-Klappräder sind, soweit ich weiß, erst in den 80iger Jahren aufgekommen. Die Verbesserungen liegen eher im Detail und da gibt es eine ganze Menge.

Zum Beispiel sind Reifen heute (abgesehen von Super-Billigangeboten) tatsächlich deutlich besser und haltbarer als in den 70iger/80iger Jahren. Doch leider werden gerade durch Verbesserungen oft Verschlechterungen der Haltbarkeit eingebaut.
 Beispiele: Fahrräder sind heute meist leichter als früher. Gut am Berg.
Aber früher schon machte der Stahlrahmen nur wenig vom Gesamtgewicht aus, die massiven Teile und das Zubehör sind’s.

Also sind heute die Schutzbleche aus härterem, aber brüchigerem Stahl und nur noch so dünn wie Konservendosenblech, Knicken und reißen ist vorprogrammiert. Oder gleich aus Plastik, das im Sonnenlicht spröde wird (Kettenschutz!!!).

 Oder die massiven Teile Kettenblatt und Ritzel nur noch halb so dick und im Durchmesser kleiner als früher, die Kette schmaler, schneller - Verschleiß gleich rein konstruiert.

 Felgenbremsen sind gegenüber dem 80iger Jahre Standard erheblich besser, so lange sie heil sind. Die an die Gabeln angelöteten Gelenkzapfen bringens. Und die Cantilever-Bremse (inzwischen fast wieder „out“) hat auch wenig Verschleißstellen am Bowdenzug.

Die neuere Version „V-Brake“ ist wieder anfälliger durch Verschleiß am Zug. Aber wie viel Prozent der RadlerInnen wissen, wo man die versteckten Rückstellfedern einstellt und ölt? Bei den alten, schlechteren Felgendbremsen waren die Teile offen sichtbar und man erkannte sofort, wo man was gängig macht.

Annodazumal gab’s übrigens gar keine Bowdenzüge, die ja gerne mal einrosten oder reißen, da hatten die Bremsen Gestänge….

 Schaltungen sind richtig nützlich, bringen aber eine Menge komplizierter Teile mit sich (gegenüber den einfachen Rücktritt-Rädern vom Nachkriegsstandard).

Leider haben die meisten Räder jetzt Kettenschaltungen, eine verschleißanfällige Schönwetter-Technik. Bei Nabenschaltungen ist das Getriebe geschützt und die heute normalen 7-Gänger haben auch einen großen Übersetzungbereich. Schade, dass manche Hersteller am Fett sparen oder die Schaltwerke als unreparierbaren Plastikmüll ausführen!

 Bei etwas besseren Fahrrädern sind heute leichte, aber stabile Gepäckträger normal, denen gegenüber ist der 70iger Jahre-Biegeblech-Standard geradezu jämmerlich. Der Kaputtmacher wird leider trotzdem oft mitgeliefert in Form von korrodierenden Befestigungsschrauben und Pulverbeschichtungen, unter denen es munter gammelt, bis nur noch „außen Lack, innen Dreck“ da ist.

Auch Rahmen und sonstige Fahrradteile werden oft extra schlecht rostgeschützt, wobei eine gute Lackierung besser wäre, als die umweltschädlichen und doch unterrostende Verchromung von früher. 

Vierkant-Tretlager sind Montage- und reparaturfreundlicher, wenn an einen Abzieher hat und die Tretkurbeln sitzen sich zuverlässiger als bei den 70iger Jahre Keillagern. Das liegt aber nur daran, dass diese Keillager extraschlecht gebaut waren. Ein präzise gebautes Keillager hält „ewig und drei Tage“, zum Beispieldas an meinem Uraltrad siebzig Jahre und über 100.000 Kilometer.

Damit die montagefreundlichen Vierkantachsen auch extra präzise Lager kriegen, wurden sie seit ca. zwanzig Jahren immer öfter (heute Standard) mit Rillenkugellagern ausgestattet – leider nicht mehr auswechselbar – und damit man sie, wenn kaputt, garantiert nicht mehr aus dem Rahmen rauskriegt mit Plastikhülsen reinschraubt.
Die rosten, weil natürlich ungefettet, blitzschnell im Rahmen fest und das kaputte Tretlager kann man dann nur noch mit einer Lötlampe aus dem Rahmen rausschmelzen…

Nabendynamos sind auch wieder im Prinzip ein Super-Fortschritt für zuverlässige Lichtanlagen, aber an der Ausführung haperts: Manche Fabrikate sind schwergängige Dauerbremser und nicht einmal abstellbar, wie es der Einfach-Dynamo ist! Und die vergammelten elektrischen Kontakte: Kupfer mit Stahlfedern dahinter, die heimlich wegrollten!

Oder noch schlimmer, verzinkte Eisenkontakte, die bei Berührung mit Kupferkabeln und Feuchte sich ganz schnell galvanisch auflösen! Und kein Hersteller fettet die Kontakte…

 Sättel sind heute auch leichter und oft auch komfortabler als einfache Sättel vor vierzig Jahren, dazu sogar mit Fingerklemmschutz. Aber das klebrige Glibbergel unter dem dünnen Plastikhäutchen kann einem die Freude schnell vermiesen, wenn’s durch einen kleinen Riss raus quillt.

 Federungen bringen auch wieder Komfort und Kompliziertheit im Doppelpack. Auf gewöhnlichen Straßen und Wegen halte ich sie nicht für nötig, meine Fahrräder, mit denen ich oft Feldwege befahre, haben auch keine Federung. Nur bei Liegerädern halte ich eine Federung für unentbehrlich!

 Ich wünsche Euch viel Lebensfreude und den Mut, mal Neues, Einfacheres auszuprobieren!

1 Kommentar:

  1. Das verchromen hat schon seine Berechtigung. Nicht nur, dass es Korrosionsschutz ist, sondern es soll auch besser aussehen. Und das wird daher nicht nur bei Felgen verwendet, sondern auch Drehteile werden auf Wunsch so veredelt und das selbst, wenn sie nur in eine Baugruppe und nicht einmal als Präzisionsdrehteil zum Einsatz kommen.

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